Amoktaten von JugendlichenAmoktaten von Jugendlichen – ein Forschungsüberblick und Prävention Während die Zahl schwerer Gewalttaten von Jugendlichen zumindest in Deutschland, Kanada und den USA eher rückläufig ist, hat das Phänomen der jugendlichen Amoktaten in Schulen seit dem ersten dokumentierten Vorfall 1974 in den USA zugenommen: Wurden Anfang der neunziger Jahre innerhalb von drei Jahren insgesamt sechs Taten verübt, verzeichnete man Anfang des neuen Jahrtausend im gleichen Zeitraum insgesamt 23 Vorfälle (vgl. Kriminalistisch-Kriminologische Forschungsstelle 2007). Zwar ereignete sich die Mehrheit dieses Gewaltphänomens in den USA, doch haben die Amokläufe am Erfurter Gymnasium 2002, an den Realschulen in Emsdetten 2006 und zuletzt in Winnenden 2009 gezeigt, dass dies auch jederzeit in Deutschland möglich ist.
Die empirische Forschungslage weist allerdings noch starke Defizite auf, da sich die Fallkonstruktion jeweils unterschiedlich gestaltet und sich Amokläufe insgesamt eher selten ereignen (vgl. z.B. Banneberg 2004; Heubrock/Hayer/Rusch/Scheithauer 2004). Aufgrund des oft folgenden Suizids der Amokläufer können anschließend nur retrospektive operative Fallanalysen durchgeführt werden und beeinträchtigen so den Informations- und Erkenntnisgewinn. Darüber hinaus lassen sich empirische Befunde aus dem außereuropäischen Ausland nicht ohne weiteres auf unseren Kulturkreis übertragen. Nach Adler (2002) gab und gibt es das Phänomen Amok auch in anderen Kulturen, wobei der malaiische Amok besonders bekannt geworden ist. In früheren Zeiten hatten Amoktaten gesellschaftlich eine andere Bedeutung, so beziehen sich die ersten Beschreibungen auf ein kriegerisches Verhalten von Gruppen. Nach Adler (2002) soll Amok „erst im Verlauf der Kolonialisierung zum krankhaft abweichenden Verhalten erklärt und gesellschaftlich negativ bewertet worden sein“ (ebd., S. 4). Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Amok als „eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblichen (fremd-)zerstörerischen Verhaltens auf welche meist Amnesie und/oder Erschöpfung folgt. Häufig auch Umschlagen in selbstzerstörerisches Verhalten, d.h. Verwundung oder Verstümmelung bis zum Suizid“ (Bannenberg 2004, S.9). Daher berichten Medien auch dann von Amok, wenn sich Eifersuchtsdramen, Familienauslöschungen oder ähnliche Dinge ereignet haben. Seit den neunziger Jahren lässt sich jedoch eine spezielle Art von Amokläufen feststellen, nämlich Amoktaten an Schulen, die von Jugendlichen und Heranwachsenden verübt werden. Im amerikanischen Sprachgebrauch spricht man in diesem Zusammenhang von dem so genannten „School Shooting“. Scheithauer (2007) spricht auch von „schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen“, da hier keineswegs plan- und motivlos agiert wird, wie dies vielleicht im ersten Moment aufgrund des Begriffs Amok vermutet wird. Daher soll im nächsten Punkt genauer auf die empirische Forschungslage zu „School Shootings“ eingegangen werden.
2. Empirische Befunde zu jugendlichen Amokläufen
3. Prävention
Nach Bannenberg (2007) ist es grundsätzlich nicht möglich eine spezifische Amok-Prävention durchzuführen, vielmehr können allgemeine Maßnahmen wie beispielsweise der Suizid- oder Gewaltprävention auch auf (mögliche) Amokläufer wirken. Heubrock u.a. (2004, S. 25 ff.) weisen z.B. darauf hin, schon im Vorfeld psychosoziale Kompetenzen in den Bereichen Kommunikation, Interaktion, Selbstbehauptung und Konfliktlösung sowie Empathie und Impulskontrolle bei Kindern und Jugendlichen auf- und auszubauen. Ebenso wird der adäquate Umgang mit Emotionen, wie Ärger und Wut, als auch das Erlernen von angemessenen Strategien zur Bewältigung von Frustration, Demütigung und Versagen in diesem Zusammenhang ausdrücklich empfohlen. Außerdem gilt es Maßnahmen einzuführen, die das allgemeine Schulklima bzw. die Schulkultur einer Schule verbessern (Schulentwicklung) z.B. durch die Durchführung lebensweltbezogenen Unterrichts und eine wertschätzende Haltung aller Schulbeteiligten.
Als Indikatoren zur Früherkennung von potentiellen Amoktätern können die oben genannten täterspezifischen Risikofaktoren (z.B. Opfer von Ausgrenzung und Gewalt von Mitschülern, Zugang zu Waffen, schwere Verlust- /Misserfolgs-, Kränkungserlebnisse) genutzt werden, insbesondere nach einem Hinweis auf eine Ankündigung oder eine Bedrohung. Verschiedene Autoren warnen jedoch vor der Anfälligkeit dieses Täterprofils für Falschklassifikationen, da meist nur die beobachtbaren Verhaltensparameter berücksichtigt werden und weniger die ihnen zugrunde liegenden Verhaltensmotive und ihre Entwicklungsdynamik (vgl. Linssen/Bannenberg 2004). Daher sind neben den fallbezogenen Gefährdungsanalysen mit so genannten Check-Listen, auch die „Leaking“-Handlungen und der Zugang zu gefährlichen Waffen zu beachten und zu prüfen. Zusätzlich müssen nach Heubrock u.a. (2004, S. 23 ff.) Daten aus Beobachtungen von Lehrern, Mitschülern und Familienangehörigen hinzugezogen werden und in einer Fallkonferenz mit dem zuständigen Jugendsachbearbeiter der Polizei und erfahrenen Rechtspsychologen bewertet werden. Diese Möglichkeiten stellen jedoch eher eine präventive Intervention dar, als eine Prävention von Amokläufen generell. Auch die Rolle der Medien muss in diesem Zusammenhang genannt werden. Robertz (2007) fordert beispielsweise, dass „Medien (…) vereinfachende Erklärungen für die Motivation von Amokläufen vermeiden und statt auf deren Person und den genauen Tathergang auf die Folgen des Verbrechens fokussieren“ (ebd., S. 8) sollten. Inzwischen beschäftigen sich mehrere Wissenschaftler auch in Deutschland mit der Thematik. Prof. Dr. Scheithauer (Freie Universität Berlin), PD Dr. Dietmar Heubrock (Universität Bremen), Kriminalhauptkommissar Stephan Rusch (Landeskriminalamt Bremen) und Dipl.-Psych. Tobias Hayer (Universität Bremen) versuchen als interdisziplimäre Forschungsgruppe Möglichkeiten der Prävention zu erarbeiten. Ziel ist, Ankündigungen von zielgerichteten schweren Gewalttaten an Schulen systematisch zu analysieren, um ein Melde- und Reaktionssystem zu entwickeln. Außerdem werden im Rahmen einer Kooperation zwischen der Freien Universität Berlin mit der Polizei Berlin und Bremen Möglichkeiten erarbeitet, im Falle von Tatankündigungen gemeinsam auf Polizei- und Schulebene zu reagieren. Auch in der Forschungsgruppe über "Kontrolle der Gewalt", die von Prof. Dr. Heitmeyer geleitet wird, werden Amokläufe untersucht. Durch eine interdisziplinäre Zusammensetzung des Forscherteams sollen unterschiedliche Aspekte und Dimensionen des komplexen Problems Gewalt erfasst, komparative sozialwissenschafltiche Analysen angestrebt und historische Vergleiche gezogen werden, um nationale und temporale Mechanismen des Kontrollverlustes zu untersuchen und in länger andauernde Wirkungszusammenhänge einzuordnen. An der Forensischen Psychologie der TU Darmstadt beschäftigte sich ein Team im Rahmen eines Forschungsprojektes mit dem Thema Amok. Angeregt von Forschungen und Risikomodellen aus den USA entwickelte der Projektleiter Dr. Jens Hoffmann einen Ansatz, um Risikoentwicklungen eines Amoklaufes in einer frühen Phase zu erkennen und um zu intervenieren. Literatur:
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