Hallenser Gewaltstudie

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Die Hallenser Gewaltstudie
Diese Studie versucht Zusammenhänge, Entwicklungen und Regelmäßigkeiten im Leben jugendlicher Gewalttäter aufzuzeigen. Dabei bezieht sie sich nur auf Jugendliche der neuen Bundesländer aufgrund der dort steigenden Gewaltkriminalität seit den 90`er Jahren. Es wurden 24 biographische Interviews mit jugendlichen Tätern, im Alter zwischen 14 und 22 Jahren, geführt, die entweder wegen Gewaltstraftaten zu Jugendstrafen verurteilt wurden oder sich wegen eines solchen Verdachts in Untersuchungshaft befanden.
Es zeigte sich, dass die Mehrheit der jugendlichen Gewalttäter in strukturell unvollständigen Familien aufwuchs. Zudem erlebten die Meisten extreme Gewalt innerhalb der Familie.
Bei den Jugendlichen, die eine der äußeren Struktur nach intakte Familie hatten, zeichnete sich jedoch das Erziehungsverhalten durch Desinteresse und/oder völliges Gewährlassen aus. Oft übernahmen die Großeltern die Erziehungsaufgaben, konnten allerdings keinen erzieherischen Einfluss ausüben und wurden von den Jugendlichen meistens ausgenutzt. Trotzdem stellte diese Beziehung oft die einzig positive in ihrem Leben dar.
Zudem waren viele der Jugendlichen, zumindest zeitweise, in Heimen untergebracht, wo allerdings nie eine funktionierende emotionale Beziehung zu Erziehungspersonen aufgebaut wurde. Dagegen kam es im Heim zu ersten kriminellen Aktivitäten zusammen mit Freunden.
Nur selten wurde von nicht straffällig gewordenen Freunden oder Verwandten als Vorbilder berichtet. Diese distanzierten sich jedoch als die Jugendlichen inhaftiert wurden.
Auch mit der Schule verband die Mehrheit keine positiven Erlebnisse. Klassenwiederholungen, Besuch von Haupt- und Sonderschulen sowie schlechte Noten waren die Regel. Durchgehend wurde betont auf Schule keine Lust gehabt zu haben. Besonders beim Übergang in Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse führte dies zum Lehrstellen- und Arbeitsverhältnisabbruch. Viele erhielten auch Kündigungen aufgrund ihres gewalttätigen Verhaltens.
Die Freizeit war bei den Meisten untrennbar mit der Begehung von Straftaten verbunden, wie das Einbrechen in Wohn- und Kaufhäuser oder das Aufbrechen von Autos. Auch der Alkoholkonsum spielte bei den Meisten eine wichtige Rolle. Zudem schloss sich ein großer Teil an rechtsextreme Gruppen an, da hier die Gewaltanwendung zum Gruppenalltag gehörte, politische Inhalte waren, wie sich zeigte, weniger der Grund.
Gegenüber Frauen war oft eine abwertende Haltung festzustellen und ihre Beziehungen waren häufig oberflächlich. Trotzdem waren die Befragten extrem eifersüchtig und Gewaltaktionen drehten sich häufig um sie. Oft bestärkte die Freundin auch das gewalttätige Verhalten indem sie z.B. auf „Belästigungen“ aufmerksam machte. Bei Einigen endete diese Entwicklung als sie mit Frauen befreundet waren, die ihr gewalttätiges, kriminelles Verhalten  missbilligten, gemeinsame Lebenspläne gefasst wurden oder ein Kind kam.
Die Wiedervereinigung Deutschlands hatte für die Befragten wenig Bedeutung und wurde kaum wahrgenommen. Es lässt sich festhalten, dass das abweichende Verhalten bereits zu DDR-Zeiten bestand und nicht durch einen plötzlichen gesellschaftlichen Kontrollverlust ausgelöst wurde. Viele der Jugendlichen berichten von einer Vielzahl nicht bekannt gewordenen Straftaten, wobei Gewalt immer eine große Rolle spielte. Die kriminellen Taten hatten viel mit Autodiebstählen und extremen Crashfahrten zu tun. Eigentumsdelikte, wie Einbrüche oder Raubüberfälle, dienten dem Lebensunterhalt. Viele hatten keinen legalen Verdienst und lebten in Häusern, die von rechtsradikalen besetzt wurden.
Von der Tat, die zur Verurteilung führte, wurde weniger ausführlich berichtet. Häufig gaben die Täter an, das Opfer habe es nicht anders verdient und sei selbst Schuld. Die Einsicht, Unrecht begangen zu haben, setzte bei den Tätern nicht ein. Die Bewertung ihrer Strafe als gerecht oder ungerecht fiel recht unterschiedlich aus. Während einige einsahen, verurteilt worden zu sein und das Strafmaß für gerecht hielten, fühlten sich andere ungerecht behandelt. Aufgrund der Aussagen von Tätern mit einer krassen Gewaltentwicklung und vielen nicht entdeckten sowie mild sanktionierte Taten, kann vorsichtig darauf geschlossen werden, dass die Aussetzung auf Bewährung nicht als Chance, sondern als Ausdruck der Nichtbestrafung verstanden wird. Erst die U-Haft oder die Jugendstrafe ohne Bewährung wird als Strafe begriffen. Jugendliche mit einer weniger extremen Gewalt- und kriminellen Karriere, waren dagegen froh, nicht zu einer Jugendstrafe verurteilt worden zu sein und begriffen Sanktionierungen, wie Trainingskurse oder Arbeitsauflagen, als Warnung.
Die Erfahrungen im Vollzug schienen überwiegend negativ zu sein, neben Langeweile, starker Gewalt und dem Nichteinschreiten der Bediensteten, wurde insbesondere von Dominanz der Rechtsextremen berichtet.
Die Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen waren sehr unterschiedlich. Ein Teil wollte nach der Haftentlassung ein normales, konformes Leben führen und nie mehr in den Vollzug. Manche hatten jedoch Angst wieder abzurutschen. Andere sahen sich auch zukünftig als Außenseiter und in neue Gewalttaten verwickelt, trotzdem wollten sie ein normales Leben führen. Nur ein kleiner Teil, der bereits mehrfach auffällig wurde, wollte keinen Bezug zur legalen Welt herstellen und war der Meinung durch eine konforme Lebensweise die Bedürfnisse nicht befriedigen zu können.
Die Untersuchung zeigt, dass es zwischen Gewalttäter unterschiedliche Grade der Ausgrenzung gibt. Dies wird unter anderem durch die Äußerungen in Bezug auf Taten, gewalttätige Handlungen, zukünftige Ziele und ihren Beziehungen deutlich. Obwohl der Grad der Ausgrenzung als ein Risikofaktor für weitere kriminelle oder gewalttätige Handlungen verstanden werden kann, lassen sich allerdings nur schwer Vorhersagen künftiger krimineller oder gewalttätiger Handlungen machen.

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